ADHS-Aktionsmonat Oktober: Stärken und Schwierigkeiten in der Schule notieren

Der Oktober wird von ADHD Europe gemeinsam mit Mitgliedsorganisationen als europäischer „ADHD Awareness Month“ begangen. Für Familien und Schulen kann dieser Anlass helfen, den Blick auf das ganze Kind zu richten: Was gelingt ihm gut, wo gerät es im Schulalltag ins Stocken, und welche Bedingungen machen einen Unterschied? Eine kurze, sachliche Beobachtungsliste kann ein Gespräch mit der Lehrkraft oder einer Fachperson konkreter machen. Sie ist aber weder ein Test noch ein Ersatz für eine fachliche ADHS-Diagnostik.

Die hilfreiche Frage lautet nicht nur „Was war schwierig?“, sondern auch: „Wann konnte das Kind seine Stärken zeigen?“ ADHS äußert sich nicht bei allen Kindern gleich. Deshalb sind pauschale Etiketten wie „unkonzentriert“, „unmotiviert“ oder „immer kreativ“ wenig nützlich. Besser sind konkrete Situationen, die das Kind selbst mit einordnet. Die folgenden vier Schritte ergeben eine einfache Vorlage für Oktober und jeden anderen Monat.

Warum lohnt sich eine Stärken- und Schwierigkeitenliste?

Eine Liste macht Gespräche greifbarer. „Der Unterricht ist oft anstrengend“ beschreibt ein Gefühl, verrät aber noch nicht, welcher Moment Unterstützung braucht. „Bei der stillen Arbeitsphase begann Mia erst, nachdem die Lehrkraft den ersten Rechenschritt einzeln erklärt hatte“ enthält bereits Hinweise auf Situation und mögliche Hilfe. Namen und Beispiele in diesem Text sind erfunden und dienen nur der Veranschaulichung.

Eine ausgewogene Notiz verhindert außerdem, dass ausschließlich Konflikte oder Fehler gesammelt werden. Stärken sind keine Pflichtmerkmale von ADHS und jedes Kind hat ein eigenes Profil. Haltet fest, was ihr tatsächlich beobachtet: etwa eine originelle Idee im Kunstunterricht, Ausdauer bei einem selbst gewählten Thema, eine hilfreiche Geste gegenüber einem Mitschüler oder eine gute mündliche Erklärung. Der LehrerCoach von ADHS Deutschland e. V. zur Verhaltensbeobachtung empfiehlt einen sachlichen, gezielten Blick, der auch positive Seiten, Stärken und mögliche Einflüsse der Unterrichtssituation sichtbar machen kann.

Wie beginnt die Familie, ohne daraus ein großes Projekt zu machen?

1. Mit dem Kind über gelungene und schwierige Momente sprechen

Ein Elternteil spricht mit einem Schulkind an einem Tisch; vor ihnen liegen ein geöffnetes Notizbuch und ein Stift
Ein offenes Gespräch mit dem Kind kann klären, welche Schulsituationen es selbst als leicht, interessant oder anstrengend erlebt.

Plant ein ruhiges, kurzes Gespräch und beginnt mit einer konkreten Frage: „Auf welchen Moment in der Schule warst du diese Woche stolz?“ Danach könnt ihr fragen: „Wann war es schwer anzufangen, zuzuhören oder dranzubleiben?“ Lasst dem Kind Zeit und bewertet seine Antwort nicht sofort. Seine Sicht kann sich von der Wahrnehmung Erwachsener unterscheiden, und genau das ist wichtige Information.

Ein Wochenrückblick muss kein tägliches Verhör werden. Zwei oder drei erinnerte Situationen reichen als Start. Fragt auch nach dem, was geholfen hat: War die Aufgabe interessant, war der erste Schritt klar, gab es weniger Ablenkung oder konnte das Kind sich kurz bewegen? Wenn das Gespräch unangenehm wird, macht eine Pause. Ziel ist ein gemeinsames Bild des Schulalltags, keine Beweisführung.

2. Stärken mit Beispiel und Kontext festhalten

Ein Schulkind baut konzentriert ein kleines Modell aus Holzklötzen, während eine Lehrkraft im Hintergrund zusieht
Das Kind baut aus Klötzen ein Modell; eine Stärke lässt sich konkret als beobachtete Tätigkeit und Situation notieren.

Schreibt neben jede Stärke, woran sie sichtbar wurde und in welcher Situation. „Ist hilfsbereit“ wird aussagekräftiger als „half einem Mitschüler, nach der Pause die verteilten Arbeitsblätter einzusammeln“. „Ist kreativ“ lässt sich ergänzen: „fand im Kunstunterricht drei eigene Lösungen, als die erste Idee nicht funktionierte“. So bleibt die Beobachtung nachvollziehbar und das Kind erkennt eher, was es konkret gut gemacht hat.

Auch Interessen gehören in die Liste: Bei welchen Themen oder Tätigkeiten beteiligt sich das Kind freiwillig? Wann erzählt es gern, erklärt etwas oder arbeitet länger weiter? Verwechselt eine Stärke aber nicht mit einer Garantie, dass eine Aufgabe immer leicht sein muss. Ein Kind kann eine Sache gut können und sie an einem anderen Tag wegen Lärm, Müdigkeit oder Zeitdruck trotzdem schwierig finden.

3. Schwierigkeiten beschreiben, ohne Absicht oder Ursache zu unterstellen

Eine erwachsene Hand notiert etwas in ein leeres Notizbuch neben einer analogen Uhr und einem Arbeitsblatt mit Formen
Eine kurze Notiz mit Situation und Zeitpunkt hilft, Beobachtungen später von allgemeinen Urteilen zu unterscheiden.

Haltet fest, was tatsächlich passiert ist: Fach oder Situation, ungefähre Uhrzeit, konkrete Anforderung, sichtbare Handlung und deren Auswirkung. Ergänzt, was unmittelbar davor oder danach geschah und ob eine Unterstützung half. Zum Beispiel: „Deutsch, Beginn der Einzelarbeit: Das Kind öffnete das Heft nicht. Nach einer mündlichen Erinnerung und dem gemeinsam markierten ersten Satz begann es zu schreiben.“ Das ist hilfreicher als „war wieder faul“.

Eine kompakte Tabelle genügt:

Datum/SituationWas gelang?Was war schwierig?Was half oder erschwerte es?
Beispiel: Dienstag, Deutsch, EinzelarbeitErklärte die Geschichte mündlich mit vielen DetailsBegann den schriftlichen Auftrag erst nach einer ErinnerungDer erste Satz wurde gemeinsam markiert; danach schrieb das Kind weiter

Das Beispiel ist fiktiv und zeigt keine Diagnose. Notiert lieber wenige bedeutsame Situationen als jedes Verhalten. Wörter wie „immer“, „nie“, „absichtlich“ oder „stört“ fassen viele verschiedene Momente zusammen und lassen wenig erkennen, was konkret verändert werden könnte.

4. Gemeinsam mit der Lehrkraft ein kleines nächstes Ziel wählen

Ein Elternteil, ein Schulkind und eine Lehrkraft sitzen gemeinsam an einem Tisch mit einem offenen Notizbuch
Im Gespräch mit der Lehrkraft können Familie und Schule die Notizen ergänzen und eine überschaubare nächste Unterstützung vereinbaren.

Bringt zum Gespräch eine kurze Auswahl mit: zwei gelungene Situationen, ein oder zwei wiederkehrende Schwierigkeiten und die Frage, was das Kind selbst als hilfreich erlebt. Fragt die Lehrkraft, ob ähnliche Situationen im Unterricht vorkommen oder ob die Schwierigkeiten nur bei bestimmten Fächern, Aufgaben oder Tageszeiten auftauchen. Unterschiedliche Beobachtungen müssen kein Widerspruch sein; sie können zeigen, wie stark der Kontext eine Rolle spielt.

Vereinbart dann höchstens ein oder zwei überschaubare Versuche, zum Beispiel einen Arbeitsauftrag in klar erkennbare Schritte aufzuteilen, Material vor Stundenbeginn bereitzulegen oder einen möglichst reizarmen Sitzplatz zu prüfen. Solche Ideen sind keine Erfolgsgarantie und müssen zu Kind, Klasse und schulischen Möglichkeiten passen. Haltet fest, woran ihr merkt, ob die Veränderung nützlich ist, und wann ihr gemeinsam darauf zurückschaut. Der schulische Alltag und mögliche Unterstützungsangebote unterscheiden sich je nach Kind und Schule; allgemeine Lösungen passen nicht automatisch für alle.

Kann die Liste eine ADHS-Diagnose bestätigen?

Nein. Beobachtungen von Eltern und Lehrkräften können Fachleuten helfen, Alltagssituationen zu verstehen, sie entscheiden aber nicht selbst über eine Diagnose. Laut Gesundheitsinformation.de von IQWiG berücksichtigt eine sorgfältige Abklärung unter anderem, wie sich Auffälligkeiten in mehr als einem Lebensbereich zeigen, wie stark sie den Alltag beeinträchtigen und welche anderen Erklärungen geprüft werden müssen. Eine einzelne vergessene Hausaufgabe, ein lebhafter Unterrichtstag oder ein starkes Interesse an einem Thema reichen dafür nicht aus.

Wenn Schwierigkeiten anhalten, das Kind darunter leidet oder Schule und Familienleben deutlich belasten, kann die Familie mit der Kinder- und Jugendärztin, dem Kinder- und Jugendpsychiater oder einer psychotherapeutischen Fachperson besprechen, welche Abklärung sinnvoll ist. Gesundheitsinformation.de zu Hilfen bei ADHS beschreibt außerdem, dass Schule und Familie bei Unterstützungsfragen zusammenarbeiten können. Die Notizen dienen dabei als Gesprächsgrundlage, nicht als Selbstdiagnose.

Was sollte am Ende auf dem Blatt stehen?

  • Mindestens zwei konkrete Stärken oder gelungene Situationen, jeweils mit Beispiel.
  • Ein bis zwei Schwierigkeiten, beschrieben als beobachtbares Verhalten statt als Charakterurteil.
  • Der Kontext: Aufgabe, Fach, Zeitpunkt und erkennbare Bedingungen.
  • Die Sicht des Kindes: Was war leicht, was war anstrengend, was half?
  • Eine vereinbarte nächste Frage oder ein kleiner Versuch für Familie und Schule.

Bewahrt die Notizen geschützt auf und teilt nur das, was für das Gespräch nötig ist, mit den beteiligten Personen. So wird der Oktober-Aktionsmonat zu einem Anlass, genauer hinzuschauen, ohne das Kind auf ADHS oder auf seine Schwierigkeiten zu reduzieren. Eine gute Liste hält beides nebeneinander: die Unterstützung, die noch fehlt, und die Fähigkeiten, die im Schulalltag bereits sichtbar werden.

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